Else, die wildzahme Elster

Im Herbst 2008 saß unsere ganze Familie am Tisch und aß, bis wir ein Tock Tock am Fenster hörten. Dieses Tock Tock , von einem hungrig an die Fensterscheibe pochenden Schnabel hörten wir seit diesem Zeitpunkt noch so oft.

Eine Elster saß mit langem Hälschen und erwartungsvollen Augen auf der Fensterbank und klopfte gegen die Scheibe, wir konnten es kaum fassen! Trotz Mensch-Vogelbarriere begriffen wir, was dieses kecke und wohl gezähmte Tier uns sagen wollte.

Ich öffnete das Fenster und dachte momentan an Konrad Lorenz, der in einem seiner Bücher sinngemäß schrieb, dass er bisweilen Fenster und Türen geschlossen hält, damit die Vögel nicht hereinkommen und so über die Käfighaltung zu denken gab.

Wir aßen gerade Steaks, ich schnitt ein Stück ab und reichte es bei geöffnetem Fenster dieser ungewöhnlichen Elster, dabei musste ich aufpassen, dass sie nicht hereinflog. Sie nahm ihr Futter begierig und wir überschlugen uns regelrecht mit Opfern aus unseren Tellern, während die Dackelbande unter dem Tisch die Welt nicht mehr verstand.

 

 

 

Die Elster flog alsbald gesättigt bei Einbruch der Dämmerung davon, während wir von diesem Schauspiel sprachen und nicht schlecht staunten.

Am nächsten Tag hörte ich an meinem Küchenfenster wieder dieses Tock Tock und mir wurde klar, dass wir nun einen neuen Hausgast haben. Ich  öffnete das Fenster und gab ihr Käse. Sie war völlig zahm, kam herein und schaute mich fordernd- freundlich und mit intelligenten Augen an.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

So kam sie fortan jeden Tag, meist kurz vor Einbruch der Dunkelheit, auf die Fensterbank geflogen und ich plante sie bereits im alltäglichen Ess-und Futterplan mit ein. Wenn ich gegen Abend nicht zu Hause war stellte ich ihr ein Tellerchen mit einem Elstermenü auf die Fensterbank.

 


Es war mittlerweile so, dass ich, sobald wir das Haus verließen, von Else angeflogen wurde.

Sie landete mit Vorliebe auf unseren Köpfen, wobei wir uns viele Lacher von Spaziergängern zuzogen.

Hier war mein Mann der Glückliche.

Zwischendurch sprang sie auf meinen Arm und wanderte zart pickend auf und ab in Erwartung von kleinen Käsestückchen die ich auch für die Hunde bei mir trug.

So zog ich alltäglich los und Else begleitete uns von Baum zu Zaunpfosten oder hüpfte nebenher und inspizierte die Felder, frei und vergnügt.


Unsere drei Dackelchen fanden es überaus merkwürdig, dass nun ein großer Vogel mit dazugehört und zeigten anfangs erstaunt-irritierte Gesichter. Ich dachte darüber nach wie ich diese gemischte Gesellschaft aneinander ohne Federlesen gewöhnen könnte.

So streute ich kleine Futterbröckchen aus, in der Hoffnung, dass die Hunde und Else einen netten Weg zueinander finden. Da Else dermaßen menschenbezogen war und bisweilen durch die Terassentür ins Haus kam hoffte ich auf Frieden zwischen den ganz verschiedenen Tierwelten.

 

Else lebte vogelfrei und war schlau genug sich „durchzuschlagen“. Sie zeigte mir, wie sehr ein „wildes“ Tier unter Umständen einen gewaltigen Draht zu uns Menschen finden kann.

Ich hätte sie gerne weiter so auf ihrer Lebensweise unterstützt, aber eines Tages kam sie nicht mehr.

Es wäre tröstlich zu wissen, wenn sie wieder zu dem Menschen, der sie zähmte, zurückgefunden hätte. Vielleicht war sie auch zu zahm und es geschah ein Unglück.

Wir vermissen sie und hätten sie  gerne auf ihrem ganz besonderen Weg weiter begleitet. Ich fragte mich oft, ob ein zahmer Vogel in der freien Natur überhaupt eine Chance zum Überleben hat. So hoffte ich, sie irgendwann mit Artgenossen anzutreffen um wirklich glücklich leben zu können, so wie es die Natur für sie vorgesehen hat.

Sie kam wie ein Engel, zeigte uns ihr wild- zahmes Dasein und eröffnete uns einen Blick in die Welt der wilden Tiere.

 

 

 

 

Wenn ich nun Elstern draußen sehe und beobachte überkommt mich immer wieder Elses Geschichte und ich hoffe immer noch für sie.

 

Monate später erfuhr ich, dass unsere Else die  "Gretel"  aus dem Nachbardorf war , vermisst und gesucht wurde.

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